Berufliche Realschulen

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

Lieber Herr Rülke, der CDU muss man nicht den Wert der Haupt- und Werkrealschulen erläutern.

(Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP: Dann ist ja gut!)

Wir sind diejenigen, die immer zu dieser Schulart gestanden haben.
Wir sind verantwortlich dafür, dass die Haupt- und Werkrealschulen im Koalitionsvertrag einen eigenen Titel bekommen haben,
dass es heute wieder ein Haupt- und Werkrealschulreferat gibt.
Wir sind verantwortlich dafür, dass die von Ihnen angesprochene Stellenhebung tatsächlich kommt,
weil wir ebenfalls der Meinung sind, dass gerade die Lehrerinnen und Lehrer, die an Haupt- und Werkrealschulen unterrichten,
ihren Kolleginnen und Kollegen an der Gemeinschaftsschule in nichts nachstehen sollten.
Deswegen brauchen wir, wie gesagt, keine Nachhilfe in Sachen Haupt- und Werkrealschule.

(Beifall bei der CDU)
 
Beim Lesen des Gesetzentwurfs ist mir ein altes Lied aus dem Jahr 1956 von Freddy Quinn eingefallen:

„So schön, schön war die Zeit ...“

Ja, schön war die Zeit, als wir einmal ein Werkrealschulkonzept
(Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP: Sie sind anscheinend älter, als Sie aussehen! – Vereinzelt Heiterkeit)
Nein, meine Eltern sind älter, als man denkt. Es kommt ja bald wieder der Sommerurlaub; vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch daran.
Das Werkrealschulkonzept war gut, so wie wir es verabschiedet hatten.
Es hätte im Schuljahr 2012/2013 zu ebendieser Kooperation mit den beruflichen Schulen geführt.
Diese ist aufgrund einer anderen Bildungspolitik ab 2011 nicht gekommen.
Deswegen sind wir im Grundsatz einig, dass die Verbindung dieser beiden Schularten grundsätzlich positiv ist.
(Beifall bei Abgeordneten der FDP/DVP – Vereinzelt Beifall bei der CDU)
Vorsicht, Vorsicht! – Schön war auch die Zeit, als die FDP zu Beginn dieser Legislaturperiode den großen Schulfrieden verlangt und ausgerufen hat,
(Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP: Das war noch in der letzten! Da waren Sie noch in der Opposition!)
den sie jetzt mit ihrem Vorschlag gefährdet.

Das sage nicht ich, sondern das sagt ausgerechnet die IHK.
Ich zitiere: Zudem befürchten wir durch die Einführung einer neuen Schulart und der fortgeführten Schulstrukturdebatte eine weitere Verunsicherung im Schulsystem. Da kann ich in Richtung Wirtschaftspartei FDP nur sagen: Herzlichen Glückwunsch.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU und der Abg. Sandra Boser GRÜNE)
Es stimmt, dass sich nur noch 6 % der Schülerinnen und Schüler nach der vierten Klasse dazu entscheiden, auf eine Haupt- und Werkrealschule zu gehen.
Das ist zu wenig. Und es stimmt, nur 17,1 % der Schülerinnen und Schüler beginnen nach dem Abschluss eine Lehre.
Auch das ist zu wenig. Und ja, es stimmt, eine Verzahnung mit der Berufsschule ist durchaus wünschenswert.
Aber die Haupt- und Werkrealschulen, die den Kahlschlag 2011 bis 2016 überlebt haben, sind wertvolle Bausteine in der Bildungslandschaft vor Ort.
(Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Hört, hört!)
Frau Zimmer hat bereits erläutert, warum das so ist.

Natürlich ist das Engagement der Lehrerinnen und Lehrer und der Rektoren, auch mit dem Umfeld zusammenzuarbeiten, sehr hoch.
Es gibt sehr viele Kooperationen zwischen den Haupt- und Werkrealschulen mit den Betrieben vor Ort und mit den Kommunen.
Das stärkt natürlich die Schulen dort, wo sie tatsächlich noch lebendig sind. 
Zweitens: Dort, wo die Haupt- und Werkrealschulen funktionieren, leisten sie auch einen wertvollen Beitrag für diejenigen Eltern,
die genau wissen, dass sie jemanden zu Hause haben, den man vielleicht das eine oder andere Mal auch schucken muss,
wie man auf gut Schwäbisch sagt, und dem man eben mit einer Schule ohne Noten nicht wirklich weiterhilft.
Das sind die Eltern, die sich ganz bewusst für diese Schule entscheiden. Deswegen sollten wir auch diesen Eltern weiterhin eine Möglichkeit geben. (Vereinzelt Beifall bei der CDU)

Bildungsministerin Dr. Susanne Eisenmann hat beim Fachtag für berufliche Orientierung an den Haupt- und Werkrealschulen zahlreiche Maßnahmen erläutert. Das wird sie im Anschluss ebenfalls noch tun. Deswegen möchte ich lieber auf einen weiteren Gedanken abzielen, der mir in dieser Hinsicht sehr wichtig ist. Es geht uns doch nicht um Schulstrukturdebatten oder um Türschilder oder Fassaden.
Es geht darum, dass wir ein Problem mit denen haben, die den Mindeststandard nicht erreichen. Diese Zahl steigt in allen Leistungsstufen.
Dafür brauchen wir Antworten. Der Fachkräftemangel – das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb Sie heute mit so einem Gesetzentwurf kommen;
die Mittelständler sitzen an den Stammtischen und sagen: „Tut einmal was, die jungen Leute haben keine Ahnung mehr von der Wirtschaft“ – hat auch damit zu tun, dass zu viele Menschen erst einmal einen falschen Weg einschlagen, bevor sie sich ihrer Stärken besinnen,
(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: So ist es!)
dass Basiskompetenzen wie Rechnen, Lesen und Schreiben – und zwar auf Deutsch – oft nicht die Aufmerksamkeit genießen, die sie haben sollten, dass Tugenden wie Einsatzbereitschaft, Fleiß, Respekt im Umgang miteinander, Pünktlichkeit und Gründlichkeit nicht mehr in dem Maß vorhanden sind, wie das einst der Fall war.
Schön war die Zeit, ja.
Aber das kann sie nur wieder werden, wenn man einer ehrlichen Analyse eine praxistaugliche Antwort gegenüberstellt.

Das sehen wir im aktuellen Gesetzentwurf der FDP/DVP nicht.
Vielen Dank.

Zurück