Aktuelle Debatte zum Bayrischen Volksentscheid: "Rettet die Bienen"

Raimund Haser MdL, Sprecher für Naturschutz in seiner Plenarrede vom 30. Januar 2019:

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

Sollte Gott jemals tatsächlich den Befehl ausgegeben haben, wie es im Buch Genesis steht, „macht euch die Erde untertan“, können wir Kinder des 20. und 21. Jahrhunderts Vollzug melden: Die Erde ist bebaut, aufgeteilt, bewirtschaftet, zersiedelt, erobert. 

Wir haben jede Technik erfunden, die man dazu braucht, um mehr als 7 Milliarden Menschen tagtäglich zu ernähren. Das ist eine schier unglaubliche Leistung, die unseren Bauern, aber auch Anstrengungen und Erfindungen aus Baden-Württemberg geschuldet ist.

 

 

Wir haben ganz nebenbei aber auch jede Technik erfunden, die man dazu braucht, um die Lebensgrundlage für ebendiese mehr als 7 Milliarden Menschen zu zerstören.

Es liegt in unserer Hand, wie es weitergeht. 

Hierzu gibt es drei Möglichkeiten:

         1       Wir reduzieren die Weltbevölkerung auf ein Maß, das eine natürliche Bewirtschaftung wie vor 1000 Jahren ermöglicht, wir verzichten auf Technologie und jeglichen Komfort. Am besten ziehen wir uns in Höhlen zurück und werden wieder zu Jägern und Sammlern.

         2       Wir tun einfach nichts. Es gibt Industriestaaten, die genau diese Option verfolgen. Wenn wir das tun, hinterlassen wir den nachfolgenden Generationen eine Welt, in der nur noch Geschichtsbücher von der heilen Welt erzählen können. Von den internationalen Konflikten, die anhaltende Klimaschäden und Katastrophen auslösen, ganz zu schweigen.

         3       (Sie ahnen, worauf ich hinaus will:) Wir tun das, was wir am besten können: Wir stemmen uns mit aller Macht gegen die Folgen unseres eigenen Tuns. Wir hinterfragen Selbstverständliches und streben nach Lösungen, die beides vereinen: Den Wunsch nach einem warmen Wohnzimmer, bezahlbarem Essen, komfortablem Lebensstil, Mobilität und Energie auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite erfüllen wir den Wunsch nach einer Welt, die an der Existenz des Menschen nicht zerbricht.

Und ich sage Ihnen: Das geht! 

Die Technologien und Errungenschaften, die Wissenschaften und Forschungen, die uns schon so oft an den Rand unserer Existenz gebracht haben, sind es gleichermaßen, die uns retten können - mitsamt den Bienen und Insekten, mitsamt den Vögeln, Fischen und Wildtieren, mitsamt allen Lebens, das der Planet hervorgebracht hat. 

 

 

Das bayerische Volksbegehren, das bis auf ein paar, dem Zeitgeist geschuldete, handwerkliche Fehler die unschätzbare Chance in sich birgt, dass Veränderungen endlich einmal nicht nur angemahnt, sondern auch im eigenen Tun der Bevölkerung akzeptiert werden, sollte uns Mut machen, ganz im Sinne unserer eigenen, erfolgreichen baden-württembergischen Naturschutzgeschichte weiter voran zu schreiten. 

Die Initiatoren des Volksbegehrens fordern eine Biotopvernetzungsstrategie - 

haben wir schon! 

Die Bayern wollen 30 Prozent Bio - 

fordern wir schon! 

Die Bayern wollen ein Pestizidverbot - 

wir arbeiten längst an einer Strategie, die Pestizide so gut es geht obsolet machen soll. 

Die Bayern fordern ein Programm für die Biodiversität, das auf wissenschaftliche Erkenntnisse in Sachen Artenschwund setzt - 

das hat diese Regierung aus CDU und Grünen im Rahmen der Biodiversitätsstrategie längst auf den Weg gebracht.

Aber - wird das reichen? 

Ich weiß es nicht. Und, mal ehrlich, Sie wissen es auch nicht. Niemand weiß das. 

Aber unsere eigene Geschichte macht doch Mut!

Einst schwamm im Rhein kein Fisch mehr, weil das Wasser verschmutzt war. Heute schwimmt im Bodensee kein Fisch mehr, weil das Wasser zu sauber ist. 

Einst sorgte der saure Regen für das Waldsterben. Wann haben Sie das letzte Mal dieses Wort gehört?

Einst fürchteten wir uns vor Müllbergen. Heute streiten sich Müllverbrennungsanlagen um jedes Gramm Müll, weil unsere Recyclingsysteme - bei allen Unzulänglichkeiten - gut funktionieren. 

Mehr als 90 Prozent des Plastikmülls, der in den Weltmeeren schwimmt, stammt aus 5 Flüssen. Sie ahnen es: Weder die Donau noch der Rhein sind darunter. 

 

Und da will man mir erzählen, dass wir es nicht schaffen, durch Biotopvernetzung und Pesitzidreduktion, durch Fruchtwechsel und Blühstreifen, durch neue Ackermethoden, durch die Mithilfe der Kommunen und Privatleute, durch weniger Pestizide in Landwirtschaft und Privatgärten, durch Beobachtung, Analyse, Forschung und konsequente Umsetzung den Artenschwund zumindest abzubremsen und der Natur Raum und Heimat zu geben.

Natürlich bringt das Veränderungen mit sich. Natürlich kostet das Geld. Und da sind wir dann bei der politischen Dimension all dessen was ich beschrieben habe:

Eine Unterschrift ist schnell getätigt. Aber wie nachhaltig und konsequent ist diese Bienenliebe wirklich? 

Wie viele Menschen haben das bayerische Volksbegehren unterschrieben, weil das Gegenteil von „Rettet die Bienen“ „Rettet die Bienen nicht!“ heißt? 

Wie viele hätten unterschrieben, wenn es ehrlicher Weise geheißen hätte: „100 Millionen Euro für die Biodiversität, 100 Millionen Euro weniger für den Rest: Für Schulen, Kitas und soziale Wohltaten?“. Hätten Sie da unterschrieben?

An dieser Ehrlichkeit werden sich alle, die derzeit Sätze sagen wie „Ich versteh gar nicht warum man da nicht mehr macht, das ist doch gar nicht so schwer“ sagen, messen lassen müssen. 

Wir hier drin wissen jedenfalls, dass es schwer ist, dass ein langer, von Unsicherheit geprägter Weg vor uns liegt. 

Aber so wie wir als CDU Fraktion schon zu Zeiten von Weiser, Vetter und Gönner für den Erhalt unserer Kulturlandschaft und Artenvielfalt eingetreten sind, so stehen wir heute zu den Entscheidungen von Umweltminister Untersteller und Agrarminister Hauk, die bei diesem Thema an einem Strang ziehen. 

Und das sollten Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen von der Opposition, auch tun. 

 

 

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