Aktuelle Debatte Besoldung von Rektoren

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Sehr geehrte Frau Präsidentin,
liebe Kolleginnen und Kollegen!

Geld allein macht nicht glücklich,

(Abg. Rainer Stickelberger SPD: Aber es beruhigt ungemein!)

aber mit Geld kann man sich viele Sachen kaufen, die glücklich machen.
Deswegen möchte ich doch bitten, dass wir neben den ganzen intrinsischen Motivationen, die es mit Sicherheit gibt, um Lehrer oder Rektor zu werden, eines nicht vergessen: Am Ende des Tages bleibt es eben so, dass das schnödeste extrinsische Motivationstool, das Gehalt, eben doch oft das Argument ist, um eine Stelle anzunehmen oder sie auszuschlagen.

Deswegen müssen wir uns ums Geld kümmern.
Deswegen ist es auch gut, dass wir dieses Thema „Kleine Grundschulen“ heute noch einmal auf die Tagesordnung bringen.

(Zuruf von der SPD)

Ja, Rektor zu sein heißt, gestalten zu können, ein pädagogisches Konzept zu entwerfen, Mitarbeiter zu führen, auch eine gewisse Stellung in der Gesellschaft zu haben. Rektor zu sein heißt aber auch, als Erster zu kommen, als Letzter zu gehen. Rektor zu sein heißt, im Gemeinderat um Geld zu betteln, Vakanzen zu überbrücken, zu Dienstbesprechungen zu fahren, mit einer Halbtagskraft im Sekretariat eine schier unglaubliche Bürokratieflut zu bewältigen.

(Zuruf von der SPD)

Deshalb sage ich zunächst einmal vielen Dank an alle Rektorinnen und Rektoren, die sich dieser Herausforderung stellen.

(Beifall bei der CDU sowie Abgeordneten der Grünen, der SPD und der FDP/DVP)

Das war jetzt nicht ganz fair, weil ich gewusst habe, dass Sie an dieser Stelle klatschen. Wer bei A klatscht, muss bei B eben auch Ja sagen. Denn wenn wir glauben, dass wir auf Dauer Menschen dazu bringen, für 200 € mehr im Monat den Hocker des Lehrers gegen den Feuerstuhl des Rektors zu tauschen, haben wir uns geschnitten.
Deshalb lehnen wir den aktuellen Vorschlag unserer hochgeschätzten Bildungsministerin Dr. Susanne Eisenmann und unserer Finanzministerin Edith Sitzmann in einem Punkt entschieden ab: Wir, die CDU-Fraktion, wollen neben der Besoldungsgrenze, die wir bei 80 Schülern schon haben, nicht auch noch eine bei 40 Schülern haben.

Erst recht wollen wir nicht, dass über eine Besoldungsstufe für Rektoren die Debatte über kleine Grundschulen befeuert wird – so, wie das heute der Fall ist.

(Zurufe von der SPD)

Wir sind stattdessen dafür, 500 000 € in die Hand zu nehmen und eine einfache, sehr klare Botschaft an die Lehrerinnen und Lehrer, an die Studentinnen und Studenten, an die Rektorinnen und Rektoren zu senden: Kein Lehrer in Baden-Württemberg wird mit weniger besoldet als nach Besoldungsgruppe A 13.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU und der FDP/ DVP)

Warum hängen wir jetzt so an den letzten 100 Schulen, die unter diese Zahl 40 fallen würden?
Weil die Botschaft – abgesehen davon, dass sie im Land junge Lehrer davon abhält, Verantwortung zu übernehmen – im Flächenland Baden-Württemberg schwierig ist, weil es in einem Land, das immer versucht, die Gleichwertigkeit zwischen Stadt und Land zu verwirklichen, eine falsche Botschaft ist und eine Botschaft, die ich oft lese, für die ich aber noch nie einen Beleg gefunden habe – auch heute kam sie schon zur Sprache –, nämlich die, um es einmal auf gut Schwäbisch zu sagen: „Auf kloine Schuleʼ lernd mʼr nix.“

Erst am Wochenende hat die „Südwest Presse“ diese Botschaft so ganz nebenbei in einem Satz formuliert – ich zitiere –: Kleine Grundschulen stehen immer wieder in der Kritik, etwa wegen der Unterrichtsqualität.
Deswegen möchte ich eine auf schwäbisch formulierte Frage hinterherstellen: „Wo schdohd des?“
Wer hat das eigentlich jemals untersucht?

(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: So ist es!)

In welcher Untersuchung steht, dass kleine Grundschulen einen schlechteren Unterricht, eine schlechtere Qualität liefern als große Grundschulen?

(Beifall bei der CDU und der SPD sowie Abgeordneten der AfD und der FDP/DVP)

Ob ein Kind etwas lernt, hängt erstens vom Lehrer, zweitens vom Unterricht und drittens vom Umfeld des Schülers ab.
Von der Größe der Schule steht da nichts. Dann möchte ich noch einen Punkt ansprechen, der mir auch als Abgeordnetem im ländlichen Raum wichtig ist:

(Abg. Martin Rivoir SPD: Genau! Sehr gut!)

Darüber hinaus sind kleine Grundschulen eben oft der einzige Schmelztiegel, der einem Dorf geblieben ist, wenn der Pfarrer nur noch alle zwei Wochen kommt und wenn die letzte Kneipe geschlossen hat. Sie sind das Zentrum kulturellen und sozialen Lebens, sie sind der Ort, wo Kinder und Erwachsene zusammengeschweißt werden und wo Heimat vom abstrakten Begriff zum täglich Greifbaren wird.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU und der SPD)

Wer auf dem Land lebt, muss auf vieles verzichten. Das ist so, wie es ist, und darüber beschwert sich auch niemand. (Zurufe von der SPD) Aber wer den Dörfern die Grundschulen nimmt, reißt ihnen das Herz heraus. Woher kommt die nachvollziehbare Kritik überhaupt? Es ist natürlich eine Frage der Ressourcen. Und ja, der Rechnungshof hat recht, wenn er sagt: „Kleine Schulen sind teurer, insbesondere wegen der Schüler-Lehrer-Relation.“
Aber diese Rechnung können wir gern aufmachen, und wir können uns einmal fragen, was es heißt, Universitäten zu unterhalten, Theater zu unterhalten, eine Oper neu zu bauen oder zu renovieren.

Ich würde nur dazu raten, dass wir uns dieser Diskussion nicht stellen. Außerdem haben die Kommunen auch erkannt, dass sie an der einen oder anderen Stelle nachjustieren müssen. In den letzten zwölf Jahren haben 134 Grundschulen geschlossen oder sind zusammengelegt worden. Das heißt, die Kommunen gehen voran, ohne dass das Land sie dazu zwingt. Ein Letztes noch zum Thema Rektorenschaft. Warum ist uns ausgerechnet die Stellung des Rektors auch in dieser gesamten neuen Qualitätsoffensive so viel Geld wert?

Weil wir mit einer Schulleiterstärkung gleichzeitig auch das Anforderungsprofil schärfen wollen. Natürlich setzt unsere Qualitätsoffensive auf Unterstützung. Aber gerade dadurch werden doch die Rektoren und die Lehrer zum Dreh- und Angelpunkt unserer Bildungspolitik. Deswegen brauchen wir an der Spitze die klügsten und motiviertesten Köpfe.

Schon der Heilige Benedikt von Nursia hat im 6. Jahrhundert in seiner Regel des Heiligen Benedikt, in der es darum geht, wie man ein Kloster organisiert, über die Rolle des Abtes sehr viele Worte verloren. Ich kann nur jedem raten, das einmal zu lesen. Auch berühmte Führungsschulen wie z. B. die in St. Gallen kommen immer wieder auf diese Äußerungen zurück. Da schreibt er:

... Wer also den Namen „Abt“ annimmt, muss seinen Jüngern in zweifacher Weise als Lehrer vorstehen. ... macht alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar. ...

Es geht also darum, Vorbilder zu schaffen und vorbildhaft zu sein in dem, was man sagt, und vor allem auch in dem, was man tut. Und ja, dazu gehört manchmal auch, dass man als Rektor einer kleinen Schule die Glühbirne selbst auswechselt oder den Schnee von der Treppe fegt.
Solche „Zustände“ als Zeichen einer Dysfunktionalität kleiner Grundschulen zu werten, ist schlicht und einfach falsch.
Das können und das müssen wir auch erwarten. Im Gegenteil: Von wem sollen Schülerinnen und Schüler mehr lernen als vom Rektor, dass im Leben nicht nur Mathe und Deutsch wichtig sind, sondern auch Demut und die Freude, für andere da zu sein?

Oder um es mit einem anderen Kirchenmann, nämlich Vinzenz von Paul, zu sagen:

„Liebe sei Tat“.

Vielen Dank.

 

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Drei kurze Punkte zur Ergänzung.

Erstens: Herr Brauer, vielen Dank, dass Sie mich berichtigt haben.
Selbstverständlich geht es nicht um A 13 für alle Lehrerinnen und Lehrer, sondern nur für die Rektorinnen und Rektoren – nur, damit das klargestellt worden ist.

Zweitens: Frau Ministerin, genau weil es eben nur diese 100 Schulen sind, genau deswegen stellen wir uns die Frage, ob es Sinn macht, diese Grenze einzuziehen. Ich glaube, dass sich das in der weiteren Debatte lösen lässt.

Herr Brauer, Sie haben gefragt, ob das wirklich einen Effekt hat.
Wenn wir das nicht glauben würden, würden wir das nicht fordern. Ich glaube sehr wohl, dass man nicht sagt:

„Ich bin doch nicht blöd und mache das für 200 € mehr“, sondern dass genau der umgekehrte Fall eintritt, dass man sagt: „Da wäre ich ja blöd, wenn ich es nicht machen würde, wenn ich die Chance hätte, auf A 13 zu kommen.“

Ich erhoffe mir auch, dass diese kleinen Schulen zu Kaderschmieden für Rektorinnen und Rektoren werden, die dadurch Spaß an Führung bekommen, die in diesen kleinen Schulen Führung lernen und sich dadurch befähigt sehen, gute Schulleiterinnen und Schulleiter für große Schulen zu werden.

Diesen Effekt stellen wir sehr oft fest bei Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, die in sehr kleinen Kommunen anfangen, die Spaß am Job haben und die sich dann nach acht oder 16 Jahren das Bürgermeisteramt in einer größeren Stadt zutrauen. Genau das erhoffen wir uns an dieser Stelle auch.

Drittens möchte ich etwas zur SPD und zur Zusammenarbeit mit den Grünen sagen. Ich weiß nicht, wie Sie es zu Zeiten der grün-roten Koalition gehalten haben. Wenn wir aber anderer Meinung sind, dann äußern wir das auch.
Wir sind in diesem Haus durchaus in der Lage, professionell mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen.

(Abg. Andreas Stoch SPD: Wir wollen Ihnen doch nur helfen!)

Wie die anderen tausend Themen zuvor werden wir auch dieses Thema angehen und eine Lösung im Sinne unserer Rektorinnen und Rektoren finden.

Vielen Dank.

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