Festrede zur Zunftfeier Isny am 10.07.2017

Bürgermeister Magenreuter, Abgeordnete, Gemeinderäte, Kreisräte, Zunftmeister Karl Christ, Zunfträte, Meisterinnen und Meister, Gesellinnen und Gesellen, Lehrlinge Egal wie groß Ihr Betrieb ist – ob Sie ein Dachdeckerbetrieb mit 5 Mann oder ein weltweit anerkannter Wohnmobilhersteller, ob Sie Büchsenmacher oder Friseurin sind – Sie sind Teil einer Macht!

Allein zwischen Jagst und Bodensee, in der Handwerkskammer Ulm, gehören 120.000 Beschäftigte zum Handwerk, sie arbeiten in 18.500 Betrieben, zahlen Steuern, bereichern unser Land, sie bauen unsere Häuser, pflegen unsere Gärten, konstruieren unsere Fassaden, teeren unsere Straßen, tischlern unsere Tische, decken unsere Dächer, pflegen unsere Hände, schneiden unsere Haare, reparieren unsere Autos und bieten unseren jungen Erwachsenen eine Perspektive, die sie anderswo in der Welt ein zweites Mal bekommen.

Bundesweit sind Sie noch bedeutender! Das Handwerk bietet fast 4 Millionen Sozialversicherungspflichtige Beschäftigte und erwirtschaftet mehr als 500 Milliarden Euro Umsatz!

Aber – wenn wir den Nachwuchs nicht in Ihre Branchen, in Ihre Betriebe bekommen, dann wankt diese Macht. Das ist dann eine Weile lang gut für Sie, weil Sie dann keine Konkurrenz mehr haben. Aber es ist unterm Strich schlecht für Sie, weil Sie dann der letzte sind, der in Ihrem Betrieb das Licht ausmacht.

Irgendwann, ich weiß nicht mehr wann und erst recht nicht mehr warum, hat dieses Land begonnen, an dem Ast zu sägen, auf dem es sitzt: An der Dualen Ausbildung. Die Stellen werden mehr, die Bewerber werden weniger. Und, sie sind immer seltener erste Wahl.

Die Duale Ausbildung wird gleichermaßen im Ausland gefeiert wie sie im Inland ausgehöhlt und verhöhnt wird.

Jeder Minimalleister mit einem Durchschnittsabitur, der sich auf einer mittelmäßigen Hochschule für einen völlig überfüllten Studiengang angemeldet hat, ist auf einer Geburtstagsparty unter jungen Leuten mehr „IN“ als der Schreiner, der schon mit 30 Inhaber eines anerkannten, qualitätsorientierten, wirtschaftlich erfolgreichen Handwerksbetriebs sein kann – in einem Alter also, in dem seine einstmaligen Klassenkameraden gerade mal vom „TRAINEE“ zum „ASSISTANT“ aufgestiegen sind.

Ich will, dass das aufhört! Ich möchte, dass die Menschen nicht dem Geschwafel der OECD hinterherrennen, die nicht müde wird, uns zu wenige Akademiker zu attestieren.

Ich möchte, dass, selbst wenn der Trend zum Abitur anhalten wird, der Automatismus gebrochen wird, wonach jeder Abiturient 1. einmal eine Reise zu sich selbst machen muss, bevor er 2. ein Studium anfängt, das ihm von der Gesellschaft aufgeschwatzt wurde, bevor  er 3. irgendwann merkt, dass er mit einer handfesten Arbeit viel glücklicher wird.

Was tue ich dafür?

  1. Ich setze mich dafür ein, dass Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrer aller Schulen das Handwerk wiederentdecken und nicht so tun, als könnte man nur in Industrie oder Medizin und erst recht nur durch ein Studium glücklich werden. Ich möchte, dass wir jenen Menschen die Chance auf ein gelingendes Leben geben, die mit ihren Händen klüger sind als mit ihrem Kopf.
  2. Ich setzte mich dafür ein, dass die Werkrealschulen, die uns geblieben sind, sowie auch zum Teil die Realschulen zu echten Handwerkerschmieden weiterentwickelt werden. Indem wir auf Praxis setzen statt auf Paukerei. In dem wir aufhören zu glauben, dass einer, der drei Stunden kein Bock auf Mathe hat, sich ab der vierten Wochenstunde in Mathe verliebt.
  3. Ich setze mich dafür ein, dass wir unsere Berufsschulen zu Kompetenzzentren weiterentwickeln, die nicht dem Prinzip „Alles für jeden – überall“ folgen, sondern die Handwerks-Know-How bündeln und somit echte Innovations- und Ausbildungszentren für bestimmte Berufe werden. Lieber fährt mir ein Lehrling 40 Kilometer zu einer anständigen Schule, auf der er auch was lernt, als dass er jeden Tag Angst haben muss, dass er der letzte Mohikaner seines Berufs an dieser Schule ist.
  4. Ich wehre mich dagegen, dass wir den Universitäten und Hochschulen alleine die Lenkungsfunktion unserer jungen Generation überlassen. Wo kommen wir hin, wenn nicht die Betriebe über die Duale Ausbildung bestimmen, welche Berufe und Qualifikationen morgen gefragt sind? Sondern nur noch Professoren und Dekane durch die Gestaltung der Studiengänge?

Meine sehr geehrten Damen und Herren – es heißt immer so schön, das Handwerk habe goldenen Boden – erst recht gilt das heute, zu dieser Zeit, wenn die Auftragsbücher voll sind wie nie. Aber wir müssen diese guten Zeiten nutzen – um das Handwerk in der Bevölkerung wieder als attraktive Branche zu verankern.

Das fängt bei jedem Einzelnen an: Seien Sie Botschafter für Ihren Beruf, Ihren Stand, Ihre Zunft. Soll Ihnen doch erst einer mal nachmachen, was Sie schon geschafft haben.

Sie können sich darauf verlassen, dass ich, wo auch immer ich bin, für unsere wirtschaftliche Struktur, für unsere Betriebe, für Sie, mitdenke und für mehr Anerkennung, weniger Bürokratie und weniger Belastung durch unsinnige Auflagen im Handwerk kämpfe.

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mein Dach sanieren, mein Auto reparieren, meine Haare schneiden und brav in diesem Land Ihre Steuern zahlen.

Genießen Sie diese guten Jahre, holen Sie Luft für die Zeit, wenn der Sturmwind weht. Und seien Sie sich versichert, dass es viele Politiker wie mich gibt, die wissen, was wir an Ihnen haben.

Vielen Dank!

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