Aktuelle Debatte zum Wolf in Baden-Württemberg

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
meine lieben Kolleginnen und Kollegen!

Das wird wahrscheinlich nichts mehr mit dem Homo sapiens und dem Canis lupus.
Da kann Kevin Costner noch so oft mit dem Wolf tanzen, unser Verhältnis zum Wolf wird immer schwierig bleiben – nicht zuletzt deshalb, weil u. a. in Bad Wildbad ein Wolf wieder gezeigt hat, wozu er fähig ist: ein Blutbad mit angefressenen Leibern, abgerissenen Köpfen, jämmerlich verendenden Schafen.
(Zuruf von der AfD: Jesses!)

Der Wolf hat es schwer mit uns, wohingegen unser Verhältnis zu seiner domestizierten Variante, dem Canis familiaris, dem Hund, geradezu abenteuerlich vermenschlicht ist. Aus dem größten Feind des Menschen ist vor 30 000 Jahren in Mesopotamien durch Züchtung der erste Freund des Menschen, der Hund, hervorgegangen.
(Zuruf des Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU)

Erst 20 000 Jahre später folgte dann mit der Zähmung der Bezoarziege und des Wildschafs sowie mit der Züchtung von Gerste, Linsen, Emmer und Einkorn endgültig der Sprung vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer und Viehzüchter. Spätestens seit dieser Zeit ist der Wolf beim Menschen auf der roten Liste, zumindest bei jenen, die das Land bewirtschaften. Wer sich mit der Geschichte der Kulturlandschaft beschäftigt, weiß, dass der Mensch vom Land zwischen Euphrat und Tigris auf seinem Weg ins heutige Mitteleuropa all das im Gepäck hatte, was heute sowohl Weidetierhalter als auch Naturschützer durch die Rückkehr des Wolfes bedroht sehen: die Kulturlandschaft mit Wiesen, Kräutern, einer Vielfalt an bunten Blumen und dazugehörigen Insekten und Vögeln.

Die Weidetierhalter sehen sich heute zum Teil außerstande, ihre Herden vor dem Wolf zu schützen. Es gibt Standorte, an denen ein Schutz durch Zäune schlicht nicht möglich ist.
(Zuruf von der CDU: Richtig!)

Da helfen auch Zuschüsse in Höhe von 100 % der Anschaffungskosten nichts, da würde nur eine Erstattung von 100 % der Arbeitskosten helfen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen)

Aber diese Zusage lässt weiter auf sich warten. Die Naturschützer wiederum haben angesichts steigender Wolfspopulationen Angst, dass durch einen drohenden Rückzug der Weidetierhalter die Offenhaltung der Landschaft und damit auch die Artenvielfalt bedroht sind. Deshalb ist es uns, der CDU, heute wichtig, festzuhalten, dass der Wolf ein Tier ist wie jedes andere auch. Wir fragen uns, warum er dann nicht so behandelt wird, warum ein Abschuss „Entnahme“ heißt und warum ein illegaler Abschuss als Mord tituliert wird.
(Zuruf des Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU)

2007 gab es in Deutschland etwa 100 nachgewiesene Übergriffe. Diese Zahl hat sich bis 2016 verzehnfacht auf über 1 000. Das Bundesumweltministerium geht für 2017 von 60 Rudeln und 15 Paaren aus. Der Deutsche Bauernverband zählt Jährlinge und Welpen mit dazu, geht von einer Zuwachsrate von 30 % pro Jahr aus und schätzt den heutigen Bestand auf 1 100 Tiere, Tendenz rasant steigend. Aktuelle Schätzungen auf EU-Ebene, wo man nicht nach nationalen Wolfspopulationen schaut, sondern nach der Gesamtpopulation, gehen von fast 20 000 Tieren innerhalb der Europäischen Union aus.

Um es in Bildern zu sagen, die wir aus der Natur kennen: Der Wolf vermehrt sich wie die Karnickel, benimmt sich wie die Axt im Walde, und der Mensch steht davor wie das Kaninchen vor der Schlange.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU – Zuruf von der FDP/DVP: Hört, hört!)

So können wir nicht ewig weitermachen, meine Kolleginnen und Kollegen. Nicht nur die Nutztierhalter verlangen Antworten, sondern auch der ganz normale Bürger – Antworten, die weit über das hinausgehen, was FDP/DVP und SPD im aktuellen Gesetzgebungsverfahren fordern, und auch über das, was die EU auf die Anfrage des Umweltministers bislang geantwortet hat.

Selbstverständlich ist zunächst einmal die Europäische Kommission am Zug. Die Grundlage der FFH-Richtlinie, erarbeitet zu Zeiten des Vertrags von Maastricht, bildet die Berner Konvention von 1979. 1979 stand die Mauer noch. Rechts davon wurden Wölfe, ohne dass die EU gefragt wurde, einfach erlegt, und links der Mauer gab es keine Wölfe, weil die Mauer nicht nur die Migration von Menschen, sondern auch die Wanderung von Wölfen unterband. Heute steht die Mauer nicht mehr. Sachsen und Brandenburg wünschen sich bei der Frage des Umgangs mit dem Wolf die DDR zurück.
(Zuruf von den Grünen)

300 Wölfe streifen durch Brandenburg. Wissen Sie, was das Umweltministerium da macht, außer sich um den Wolf zu kümmern? Die Berichte aus diesen Ländern sind erschütternd. Und wir? Wir setzen auf Bürgerbeteiligung, auf Verständnis, auf eine forsa-Umfrage, die besagt, dass 78 % der Menschen die Rückkehr des Wolfes begrüßen, auch wenn er Probleme macht. Ich möchte keinem dieser Antwortenden zu nahe treten, aber es würde mich schon interessieren, ob die Antwort nach einem Besuch auf der Schafsweide in Bad Wildbad mit mehr als 40 getöteten Tieren anders ausfallen würde.
(Beifall bei der CDU – Zuruf von der CDU: So ist es!)

Was tun? Nach Meinung der CDU-Fraktion, gemäß einem Beschluss unserer Landespartei und gemäß meiner tiefen Überzeugung war es ein Fehler, die FFH-Richtlinie vor drei Jahren nicht zu reformieren. Noch nie hat ein Tier den strengen Schutzstatus verlassen. Überall sieht man, wie sich die Natur verändert, wie sich Populationen erholen – nur die FFH-Richtlinie ändert sich nicht. Aber eine solche Veränderung muss von unten kommen. Die Länder und der Bund müssen – so, wie in einer aktuellen Bundesratsinitiative geschehen – gemeinsam mit anderen Ländern, die schon weiter sind, Druck machen. Und die Naturschutzlobbyisten müssen einsehen, dass Sturheit in diesem Fall katastrophale Folgen haben kann. (Beifall bei der CDU)

Insgesamt zeigt das Thema Wolf nämlich, in welchem Dilemma der Artenschutz insgesamt steckt. Der gesamte Artenschutz vom Wolf über den Biber bis zu Kormoran und Milan erstarrt rechtlich im Gestern, während sich die Populationen erholen und die Folgen daraus immer gravierender werden. Tiere sind Mitgeschöpfe, ihr Schutz und ihr Erhalt sind des Menschen Auftrag und Pflicht. Das hält uns aber doch nicht davon ab, Nutztiere zu halten, Eier zu essen, aus Milch Käse zu produzieren, Fische zu fangen und den Bestand von Rehen, Rothirschen, Wildschweinen und Füchsen zu regeln. Warum sollte uns diese Pflicht also davon abhalten, den Bestand einst gefährdeter Tiere zu regeln, die heute andere Tiere und den Erhalt der Kulturlandschaft gefährden?
(Beifall bei der CDU – Zuruf von der CDU: Sehr gut!)

Meine lieben Kolleginnen und Kollegen, ich persönlich habe keine Angst, dass mir der Wolf etwas tut. Meine Begegnungen mit ihm in Nordamerika haben das bestätigt, was viele Naturschützer sagen: Er ist scheu, und er geht den Menschen aus dem Weg. Kann er das aber in einem Land, das so zersiedelt und überplant ist wie das unsere? Das glaube ich nicht. (Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch: Genau!)

Der Umgang mit anderen Wildtieren zeigt doch: Nur dort, wo Bestände reguliert werden und die Angst vor dem Menschen real ist, bleiben Wildtiere wild. Anderswo essen Füchse aus Mülleimern, tummeln sich Schweine in Maisäckern und vergnügen sich Dachse in Vorgärten.
(Abg. Karl-Wilhelm Röhm CDU: Richtig!)

Ich möchte nicht darauf warten, bis Wölfe an Kindergärten vorbeimarschieren.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU und des Abg. Andreas Glück FDP/DVP – Abg. Reinhold Gall SPD: Jetzt aber!)

Mich treiben andere Gedanken viel mehr um. Ich habe Angst vor einer leise und lautlos verschwindenden Weidehaltung, vor Rückschlägen in der naturschutzfachlich dringend notwendigen Bewirtschaftung von Magerstandorten. Ich habe Angst vor der Reaktion von Menschen, die, sosehr man sie auch beruhigen mag, aus Angst vor dem Wolf klammheimlich Gebiete meiden, in denen er sich herumtreibt. Wir begrüßen daher die Richtung, die die Kommission mit den aktuellen Beschlüssen eingeschlagen hat. Wir bringen aber auch deutlich zum Ausdruck, dass wir von der EU, dem Bund und den Ländern weitere Schritte erwarten.
(Beifall bei der CDU)

In einer sich wandelnden Landbewirtschaftung brauchen wir mehr denn je überzeugte Weidetierhalter. Ihnen gebührt unsere ganze Aufmerksamkeit. (Beifall bei der CDU – Zuruf von der CDU: Sehr gut!)

Angesichts eines sich verändernden Freizeit- und Erholungsbedarfs brauchen wir touristische Naherholungskonzepte, und bei einer erhöhten Aufmerksamkeit für die Biodiversität ist es wichtig, dass man nicht einzelne Tiere oder einzelne Arten, sondern den gesamten Naturraum im Blick hat.

Das alles lassen wir uns von einem ideologisch motivierten, auf Einzelarten beschränkten Ökofanatismus an einzelnen Stellen nicht kaputt machen. Deshalb, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, muss der Canis lupus sich an den Homo sapiens gewöhnen und nicht umgekehrt.
Vielen Dank.

(Beifall bei der CDU)

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